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Meinung

Nike und die curvy Schaufensterpuppe

| · 7 Min. Lesezeit

Nike hat in seiner großen Filiale in London Plus-Size-Schaufensterpuppen in der Damenabteilung platziert. Das Internet dreht durch: "Das passt doch nicht zu einer sportlichen Marke wie Nike?". Das Internet reagiert: "Hört auf mit Fatshaming".

Here we go again. 

Nike und die dicke Schaufensterpuppe

Als ich gestern Abend die Nachrichten sah, blieb ich etwas verwirrt zurück. Ich hatte so viele Fragen. Aber die wichtigsten waren:

  • Warum dürfen wir Schaufensterpuppen wohl fatshamen und dick nennen, Plus-Size-Models aber nicht?
  • Warum sollte ausgerechnet eine Sportmarke keine "curvy" Schaufensterpuppen in den Laden stellen dürfen?

RTL Boulevard besprach das Thema. Weil es um "Plus Size" ging, kam Ashley Graham natürlich wieder vorbei. Das Plus-Size-Model, das einmal Thema meines meistkritisierten Artikels in fast zehn Jahren Schreiben war.

Fatshaming von Schaufensterpuppen

Ich fragte mich in diesem Artikel, ob wir Models mit Übergewicht als Vorbild sehen sollten, genau wie dieselbe Frage seit Jahrzehnten über zu dünne Models gestellt wird. Weil ich verstand, dass "dick" und "dünn" subjektive Begriffe sein können, versuchte ich, dies objektiv zu halten, indem ich anhand des BMI über die eher medizinischen Begriffe "Übergewicht" und "Adipositas" sprach.

Netter Versuch mit dieser Nuance, aber es machte keinen Unterschied. Wenn du ein Plus-Size-Model dick nennst, bist du einfach ein Dick.

Gerade deshalb war ich gestern Abend so überrascht über die harte Kritik, die wegen der Plus-Size-Puppen gegen Nike geäußert wird. "Zu dick, zu voll und viel zu curvy für eine Sportmarke".

Mit dem Plus-Size-Trend mitgehen

Bei RTL Boulevard sehen wir einen Clip, in dem ein Nachrichtensprecher von CBS erzählt, dass 42% der Verbraucher ihre Kaufentscheidung für Kleidung von den Maßen der Schaufensterpuppe beeinflussen lassen. Einzelhändler sollen deshalb immer häufiger Schaufensterpuppen mit Wespentaille durch curvy Schaufensterpuppen ersetzen. Eine realistischere Darstellung eines großen Teils der Kundschaft.

Auch Nike geht nun also bei diesem Trend mit.

Wie erwartet wird Nike dafür aus verschiedenen Richtungen gelobt. "Mutig, dass sie das Schönheitsideal herauszufordern wagen".

"Kein Plus Size im Fitnessbereich"

Aber aus irgendeinem Grund sollte laut vielen gerade eine Sportmarke wie Nike dabei nicht mitgehen. Das würde vor allem Übergewicht fördern.

Tanya Gold schrieb vorgestern für den Telegraph einen Artikel darüber mit ähnlicher Kritik. So schrieb sie unter anderem, dass sie es als eine Form von Fat Acceptance sah.

"Die neue Nike-Schaufensterpuppe hat nicht Größe 12, was gesund ist, oder sogar 16, ein kräftiges Gewicht, ja, aber keines, das eine Frau umbringt. Sie ist riesig, gigantisch, gewaltig. Sie wogt vor Fett. Sie ist in jeder Hinsicht adipös und bereitet sich in ihrer glänzenden Nike-Ausrüstung nicht auf einen Lauf vor. Sie kann nicht laufen. Sie ist wahrscheinlicher prädiabetisch und auf dem Weg zu einer Hüftprothese."

Ihr Standpunkt war derselbe wie meiner über die Plus-Size-Models. Obwohl ich ihn noch als Frage formulierte: Inwieweit ist das Akzeptieren von Übergewicht eine Form des Aufgebens? Außerdem denke ich gern, dass ich etwas subtiler war.

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Kein Fatshaming für Schaufensterpuppen

Aber genau wie ich damals fand Tanya schnell heraus, dass man mit solchen Standpunkten sehr hart auf lange Zehen tritt. Inzwischen hat sie daher auch die nötigen kritischen Reaktionen erhalten.

"'Sie wogt vor Fett' ist vielleicht die absolut widerlichste 'Analyse' von etwas, das gefeiert werden sollte. Ich bin eine Frau dieser Größe und Schaufensterpuppen wie diese zu sehen ermutigt mich. Viel zu lange fühlten sich der Gym-Floor oder jeder Trainingsraum überwältigend einschüchternd an für Frauen und Männer, die nicht verdammt noch mal Größe 12 haben. Wie kannst du Frauen jeder Größe ermutigen, Sport, Bewegung oder einfach nur die verdammte Kleidung zu genießen, ohne Repräsentation? Dieser Artikel ist kompletter Bullshit."

"Plus Size bedeutet nicht immer = adipös. Dünn bedeutet nicht immer = gesund. Eine Größe passt NICHT allen. Und wieder einmal wurde Clickbait mit Journalismus verwechselt."

Das hätte man natürlich erwarten können. Wenn du eine Schaufensterpuppe mit bestimmten Maßen lächerlich machst, fühlen sich Menschen mit einer ähnlichen Figur natürlich ebenfalls angesprochen.

Übrigens fällt mir auf, dass noch niemand erwähnt hat, dass Begriffe wie "Übergewicht" und "Adipositas" an den BMI gekoppelt sind. BMI ist natürlich das Ergebnis des Verhältnisses zwischen Gewicht und Körpergröße. Da eine "normale" Schaufensterpuppe weniger als 10kg wiegen kann, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Plus-Size-Schaufensterpuppe, was den BMI betrifft, faktisch schwer unterernährt ist.

Keine Fat Acceptance durch curvy Schaufensterpuppen

Obwohl ich also einige der Sorgen von Tanya wiedererkenne, fand ich sie gerade in diesem Fall unberechtigt.

Nicht weil ich inzwischen anders über die Popularität von Plus-Size-Models denke. Meiner Ansicht nach gibt es nämlich einen wichtigen Unterschied zwischen dem Platzieren einer Plus-Size-Schaufensterpuppe in deiner Auslage und dem Auf-ein-Podest-Stellen von Plus-Size-Models, was die Angst vor "Fat Acceptance" betrifft.

Obwohl Models ursprünglich lebende Schaufensterpuppen sind, hat sich das seit dem Aufkommen der Supermodels natürlich verändert. Eine Schaufensterpuppe hat keine Follower auf Instagram, soweit ich weiß. Ashley Graham hat 8,5 Millionen Follower.

Menschen werden bei solchen Themen immer unterschiedlicher Meinung sein. Ein Zusammenstoß zweier Ideale: Das eine Ideal geht davon aus, dass du dich immer verbessern willst ("best version of you"), das andere Ideal davon, dass du dich akzeptierst, wie du bist. Menschen, die Angst vor "Fat Acceptance" haben, fürchten, dass diese Akzeptanz verhindert, dass du an dir arbeitest. "Accepting a lesser version of you". Menschen, die finden, dass du dich so akzeptieren können solltest, wie du bist, fürchten, dass Werbung mit dünnen Models zu Depressionen führt. Für sie ist solche Werbung keine Inspiration, sondern Einschüchterung.

Ich verstehe dieses Spannungsfeld also. Ich denke jedoch, dass eine Schaufensterpuppe weniger Spannung auslösen sollte als ein Model mit Millionen Followern. Muss man bei einer Schaufensterpuppe Angst haben, dass sie Menschen zur Akzeptanz von Übergewicht ermutigt? Oder ist das schlicht die Akzeptanz, dass es nun einmal immer mehr Menschen mit Übergewicht gibt? Menschen, die in einem Laden sehen wollen, wie Kleidung an ihrem Körper aussehen wird. Ich denke Letzteres.

Warum gerade curvy Schaufensterpuppen bei Nike sinnvoll sind

Zum Schluss noch etwas anderes, das ich an der Kritik an Nike nicht wirklich verstand. Nämlich der Punkt, dass gerade eine Sportmarke wie Nike keine curvy Schaufensterpuppen verwenden sollte. "Wie kannst du als Sportmarke einen 'unsportlichen' Körper bewerben?"

Die berechtigtste Kritik an meinem eigenen Artikel war, dass ich ein hohes Gewicht nicht automatisch mit unsportlich verbinden sollte. Diese Kritik wurde auch von Menschen genannt, die wütend auf Tanya beziehungsweise ihren Artikel waren. Obwohl manche Forscher bezweifeln, dass es so etwas wie gesundes Übergewicht gibt, kann ich individuelle Fälle nicht ausschließen. Es lässt sich jedoch schwer leugnen, dass es einen starken Zusammenhang zwischen Übergewicht und Gesundheitsproblemen gibt. Etwas, das ich in meinem Plädoyer für den BMI als Indikator für Gesundheitsrisiken zu zeigen versucht habe.

Hier geht es jedoch nicht darum, einen "unsportlichen" Körper zu bewerben. Hier geht es darum, sportliche Kleidung an Menschen zu verkaufen, die sportlich sein wollen. Warum solltest du dich nur auf Menschen richten, die bereits "sportlich" sind?

Nike soll gute, funktionelle Sportkleidung herstellen. Dann ist es sehr seltsam, wenn du Kritik äußerst, die übersetzt werden kann als: "Nike ist nicht für Menschen mit Übergewicht". Für viele Menschen scheint das Ziel bereits unerreichbar. Dann hilfst du ihnen nicht, wenn du den Weg zu diesem Ziel unbegehbar machst. Wenn du eine Welt aus sporttreibenden Menschen siehst, die alle bereits einen schlanken Körper haben, kann es schwierig sein, dich selbst in dieser Welt zu sehen, wenn du schwerer bist.

Nike zeigt in seiner Filiale in London eine Welt, in der Menschen mit einer größeren Größe ebenfalls Sport treiben. Also sage ich zu Nike: Just do it!

Und trotzdem ziehe ich jetzt meine Nikes aus. Ich habe das Gefühl, dass sie bei meinem Auftrag als Fotograf bei Adidas heute Nachmittag nicht geschätzt werden.

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