Interview mit Bryan van Bentum
Bryan van Bentum erfuhr in jungen Jahren plötzlich, dass seine Nieren kaum noch funktionierten. Innerhalb weniger Wochen sollte eine Nierentransplantation eingeplant werden, eventuell auch eine Dialyse. Durch Medikamente, Fitness und eine angepasste Ernährung war das letztlich nicht nötig. Dennoch wird er wahrscheinlich für den Rest seines Lebens eine verminderte Nierenfunktion haben und entsprechend leben müssen.
Der Verlust von Muskelmasse ist häufig eine Folge verminderter Nierenfunktion, verursacht durch zahlreiche katabole (gewebeabbauende) Prozesse, die damit einhergehen [1]. Das führt dazu, dass ein durchschnittlicher Nierenpatient von 30 Jahren körperlich noch weniger aktiv ist als ein 70-Jähriger mit sitzender Lebensweise [1]. Zwischen dieser verringerten körperlichen Aktivität und den Überlebenschancen wurde ein Zusammenhang nachgewiesen [2]. Je aktiver du also bleibst und je mehr du deine Muskeln weiter nutzt, desto besser.
Das überlassen wir Bryan....
Fitness nach Nierenversagen
Kenneth: 20 Jahre ist ein junges Alter, um mit so etwas konfrontiert zu werden. Wie hast du davon erfahren, unter welchen Umständen?
Bryan: Ich spielte Tennis auf hohem Niveau, als ich irgendwann dachte, ich hätte mir etwas im Rücken verrissen. Die Schmerzen waren letztlich halb so schlimm, woraufhin ich im August 2013 in den Urlaub fuhr. Dort merkte ich, dass ich mich immer weniger geschmeidig bewegen konnte. Ich bekam starke Rückenbeschwerden. Tagsüber ging es noch, ich konnte ganz normal schwimmen und alles machen. Wenn wir abends aber zum Beispiel ausgingen, musste ich nach einer Stunde schon wieder von einem Taxi abgeholt und zurück ins Hotel gebracht werden, weil ich vor Schmerzen nicht mehr auf den Beinen stehen konnte.
So ging es dort die ganze Woche, und auch im Flugzeug konnte ich vor Schmerzen kaum sitzen. Als ich nach Hause kam, bin ich deshalb direkt ins Krankenhaus gegangen. Dort wurden Bluttests gemacht, aus denen schnell hervorging, dass meine Nieren schlecht funktionierten, obwohl die Ursache unklar war. Ich durfte damals noch nach Hause, während im Krankenhaus weitere Tests durchgeführt wurden. Am nächsten Morgen wurde ich jedoch früh wieder angerufen mit der Nachricht, dass ich dringend zurück ins Krankenhaus müsse, weil es doch ernst sei. Es stellte sich nämlich heraus, dass ich Zysten an meinen Nieren hatte, von denen sich eine entzündet hatte. Dadurch funktionierte meine rechte Niere überhaupt nicht mehr, während die Nierenfunktion der linken gerade noch knapp über 10% lag.
Ich lag dann fünf Tage im Krankenhaus und bekam zu hören, dass ich innerhalb von drei Wochen eine Nierentransplantation bekommen müsste. Zuerst musste jedoch diese Entzündung weg. Dafür bekam ich Antibiotika, die an sich noch nichts zur Verbesserung der Nierenfunktion beitragen würden. Nach diesen fünf Tagen durfte ich vorerst nach Hause. Nach einer Woche zu Hause wurden die Schmerzen geringer und ich konnte mich wieder etwas bewegen. Ich wollte schauen, wie ich mein Leben wieder aufnehmen konnte. Ich fing wieder mit Tennis an und meldete mich in einem Fitnessstudio an. Daraufhin merkte ich, dass ich mich immer fitter fühlte.
Nach zweieinhalb Wochen ging ich wieder ins Krankenhaus, wo die Nierenfunktion erneut gemessen wurde. Sie war auf 13% gestiegen und zwei Wochen später sogar auf 17%. Daraufhin wurde beschlossen, die Transplantation vorerst zu verschieben, aber unter strenger Kontrolle zu bleiben, um bei Bedarf doch noch eingreifen zu können.
Ich trainierte weiter, fühlte mich stärker und hatte auch das Gefühl, dass dies die Schwäche der Nieren in gewisser Weise ausglich. Drei Wochen später zeigte sich, dass die Nierenfunktion auf 20% gestiegen war.
Kenneth: Siehst du, das macht gute Laune!
"Salzfreie Ernährung und keine Shakes"
Bryan: Auf jeden Fall, allerdings bekam ich ein Problem wegen der strengen Diät, die ich erhalten hatte. Ich durfte zum Beispiel kein Salz mehr essen, aß viel frischen Fisch, Roastbeef und trockene Hähnchenbrust. Ich wusste nur nicht, dass ich keine [Anm. d. Red.: Protein-]Shakes nehmen durfte. Mit dem Training lief es immer besser, und ich dachte, mit Proteinshakes würde es noch besser gehen. Als ich drei Wochen später wieder ins Krankenhaus ging, stellte sich heraus, dass die Nierenfunktion wieder auf 17% gesunken war.
Kenneth: Davon bekommt man keine gute Laune!
Bryan: Nein. Auf Nachfrage gab ich an, dass ich vor dem Training Shakes verwendet hatte, und diese Menge an Eiweiß können meine Nieren offenbar nicht verkraften. Damit musste ich also aufhören, in der Hoffnung, dass sich die Funktion wieder verbessern würde. Drei Wochen nach dem Absetzen des Proteins lag die Nierenfunktion wieder bei 20%, wo sie sich inzwischen seit einem Jahr befindet.
Kenneth: Also ungefähr ein Jahr lang einigermaßen stabil. Erwarten die Ärzte, dass es weiter aufwärtsgeht, oder wirst du damit für den Rest deines Lebens rechnen müssen?
"Die Nieren haben nie optimal funktioniert"
Bryan: Was die Ernährung betrifft, werde ich wahrscheinlich immer darauf achten müssen. Sie denken jetzt, dass dies das Maximum ist, das meine Nieren je leisten konnten, dass ich nie über 20% lag. Sonst müsste ich mich nämlich jeden Tag müde fühlen und könnte nicht so aktiv sein, wie ich es bin.
Kenneth: Dein Körper hat sich in all den Jahren wahrscheinlich schon an diese verminderte Nierenfunktion angepasst?
Bryan: Das denken sie, ja. Das können sie natürlich nicht mehr herausfinden, aber alles deutet tatsächlich darauf hin, dass es so ist.
Kenneth: Und wenn in so einer Situation dann eine Entzündung auftritt, kann es wahrscheinlich sehr schnell gehen, weil deine Nieren viel weniger auffangen können.
Bryan: Ja, normalerweise kann man das leicht(er) auffangen, aber jetzt war es wirklich der Tropfen, durch den es schnell bergab ging.
Kenneth: Aber schon allein bei Ernährung und Training ist das also sehr schwierig. Wenn du zum Beispiel kein (zusätzliches) Protein nehmen darfst.
Bryan: Ja und nein. Ich habe schon ziemlich gesund gegessen, aber jetzt erst recht, weil ich viel weniger Salz esse. In dieser Hinsicht passt das gerade gut zum Training. Weil ich trotz meiner Situation so schnell Fortschritte sah, wollte ich meine Geschichte gerne teilen. Zeigen, dass man sich nicht hängen lassen sollte, sondern alles dafür tun muss, wieder fit zu werden.
"No excuses!"
Kenneth: Es ist das eine, das zu sagen, und etwas anderes, es dann auch zu tun. Nicht viele Menschen werden in deiner Situation sein, geschweige denn in deinem Alter. Dann ist es sehr beeindruckend, mit so einem Blick darauf zu schauen. Vor allem, wenn du zunächst noch die Aussicht auf eine Nierentransplantation hattest, vor der man, denke ich, doch enorm erschrickt.
Bryan: Ja, in diesem Moment brach meine Welt auch wirklich völlig zusammen, und ich sah es nicht mehr so positiv. Bis mir klar wurde, dass es mir nicht besser gehen würde, wenn ich diesem Gefühl nachgebe. Ich musste einfach versuchen, alles herauszuholen.
Kenneth: Ich kann mir vorstellen, dass es für deine Familie auch ein großer Schock war.
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Bryan: Ja, das hat schon eingeschlagen. Gerade weil ich Einzelkind bin und sich für meine Eltern ohnehin oft alles um mich drehte, hatten sie es möglicherweise noch schwerer damit als ich.
Kenneth: Wie haben sie diese Wochen denn erlebt? Überwiegend in Angst, kann ich mir vorstellen.
Bryan: Ja, aber meine Mutter blieb dabei immer optimistisch. Mein Vater ist immer etwas nüchterner und der Realist, und er betonte auch, als es besser ging, immer wieder, dass ich gut unter Kontrolle bleiben müsse. 'Du kannst dich zwar gut fühlen, aber du weißt nicht, was in dir passiert'"
Kenneth: Was ein guter Rat ist, wenn dadurch zum Beispiel schnell gesehen wurde, dass diese Proteinshakes in deinem Fall nicht sinnvoll waren.
Bryan: Nein. Als das klar wurde und ich daraufhin aus dem Krankenhaus wieder zurückkam, hatte mein Vater diese Dose Proteinpulver schon weggeworfen.
("Schade!", ruft jetzt der durchschnittliche Leser, der monatlich ein paar Zehner für Proteinpulver ausgibt. Als Vater kann ich mir so eine Aktion jedoch gut vorstellen und sie auch schätzen.)
Fitness vs. Tennis
Kenneth: Du spielst neben Fitness auch Tennis. Wie funktioniert diese Kombination für dich in Bezug auf Zeiteinteilung, aber auch Trainingsmethode und Dinge wie Erholung?
Bryan: Ich merkte irgendwann, dass meine Kraftverteilung durch das Krafttraining ganz anders wurde. Als es schlecht lief, hatte ich Tennis eine Zeit lang zurückgeschraubt. Als ich es wieder aufnahm, hatte ich inzwischen Krafttraining gemacht und spürte den Unterschied der 4-5 Kilo, die ich an Muskelmasse zugenommen hatte. Weil ich mich daran noch gewöhnen musste, waren Kontrolle und Ballgefühl etwas schlechter. Gleichzeitig wurde ich jedoch deutlich schneller und fühlte mich viel stärker. Diese Kombination mit Krafttraining empfehle ich deshalb auch den Jugendlichen, die ich trainiere.
Kenneth: Wo liegt bei dir die Priorität? Unterstützt dein Fitnesstraining das Tennis?
Bryan: Nein, ganz sicher nicht. Bevor ich krank wurde, stand ich auf Platz 216 der Niederlande. Ich merkte jedoch, dass ich schon zu alt war, um den Schritt zum Profi zu machen. Erst recht, nachdem ich eine Zeit lang raus gewesen war und schon zweifeln musste, ob ich mein altes Niveau noch erreichen könnte, habe ich mich damit abgefunden. Ich mache es immer noch sehr gern und als Ablenkung, aber Fitness steht jetzt wirklich an erster Stelle.
Kenneth: Ich habe gefragt, weil bei einer echten Spezialisierung auf eines von beiden das andere angepasst werden muss. Geht es zum Beispiel vor allem darum, dein Tennis zu verbessern, dann würde ich eher plyometrisches Training (auf explosive Kraft ausgerichtet) empfehlen statt Training mit Fokus auf Muskelmasse oder maximales Training (siehe auch Krafttraining für Kampfsport).
Bryan: Ja, das stimmt. Die Art, wie ich jetzt trainiere, wäre tatsächlich nicht mit dem Tennisniveau zu kombinieren, auf dem ich wäre, wenn ich nicht krank geworden wäre. Dann hätte ich tatsächlich mehr Core-Übungen und explosives Training gemacht, während ich mich jetzt für Muskelmasse und Kraft entscheide. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich nicht in Wimbledon stehen werde. Mein Körper ist jetzt wichtiger, und ich merke, dass ich mit mehr Muskelmasse einfach mehr verkraften kann.
Kenneth: Inwieweit spielt die Angst vor einem Rückfall (der Nierenfunktion) jetzt noch eine Rolle?
Bryan: Ganz ehrlich? An sechs von sieben Tagen beschäftige ich mich überhaupt nicht damit. Ich muss eben wegen der Ernährung Rücksicht darauf nehmen, wodurch ich immer wieder damit konfrontiert werde, aber sonst gewöhnt man sich daran. Solange ich ansonsten keine Beschwerden habe und keinen Rückfall bekomme, und je besser es meinem Körper geht, desto leichter wird es.
Kenneth: Du erzählst das alles sehr locker, aber ich kann mir vorstellen, dass ein bestimmter Charakter nötig ist, um so damit umzugehen.
Bryan: Das auf jeden Fall. Ich habe von verschiedenen Menschen, die etwas Ähnliches erlebt haben, gehört, dass sie ganz anders damit umgingen. Menschen, die fünf oder sechs Jahre nach dem Entstehen der Probleme noch immer jeden Tag damit beschäftigt sind und Angst vor einem Rückfall haben. Ich sehe es ein bisschen wie Skifahren: Wenn du Angst hast zu fallen und übertrieben vorsichtig wirst, dann fällst du.
Verminderte Nierenfunktion, Muskelmasse, Protein und Anabolika
Aus den Untersuchungen geht hervor, dass es sehr schwierig ist, Muskelabbau durch Nierenversagen oder verminderte Nierenfunktion entgegenzuwirken. Verstärkte Abbauprozesse sorgen dafür, dass Proteinreserven in den Muskeln schneller abnehmen [1]. Aus dem obigen Interview, aber auch aus dem Artikel, den ich über den Einfluss von Protein auf die Nierenfunktion geschrieben habe, wird deutlich, dass man dies nicht einfach dadurch lösen kann, mehr Protein zu essen, weil das eine zu große Belastung für die Nieren darstellen könnte. Jede Ernährung, die darauf ausgerichtet ist, dem Muskelabbau entgegenzuwirken, muss daher geprüft werden, indem man die Wirkung auf die Nieren betrachtet.
Zwei Studien zeigten, dass anabole Steroide (in diesem Fall Nandrolondecanoat) für mehr Muskelmasse sorgten [3], während Krafttraining zwar mehr Muskelkraft, aber nicht mehr Muskelmasse brachte [3,4]. Als Natural Bodybuilder habe ich immer gesagt, dass ich höheres Alter und dadurch vermindertes Testosteron stets als legitimen Grund für die Verwendung von Anabolika gesehen habe (um dieses Niveau wieder auf das eines jungen Mannes zu bringen). Verschiedene Studien zu den Auswirkungen des Älterwerdens untersuchen daher auch, inwieweit Anabolika diese begrenzen können. Daneben wird jedoch auch viel an Patienten geforscht, die durch Krankheiten wie HIV und Krebs Muskelabbau haben. Nierenpatienten mit Muskelabbau fallen also ebenfalls in die Gruppe, für die anabole Steroide die Lebensqualität verbessern könnten. Darüber hinaus kann Nandrolon auch eine direkte Wirkung auf die Folgen verminderter Nierenfunktion haben. Die Nieren bilden rote Blutkörperchen. Deren Produktion wird bei verminderter Nierenfunktion gesenkt. Nandrolon könnte diese Senkung bremsen [5].
Man entschied sich für Nandrolon Deca, weil es allgemein als anaboles Steroid mit recht milden Nebenwirkungen bekannt ist. Dennoch kann auch dessen Verwendung die Nieren stärker belasten. Eine Studie aus Thailand mit 29 Nierenpatienten mit verschlechterter Nierenfunktion bis hin zu Nierenversagen und Unterernährung zeigte, dass 100 mg Nandrolondecanoat pro Woche über drei Monate keine stärkere Belastung für die Nieren darstellten, aber zu zusätzlicher Muskelmasse führten [5].
Nandrolondecanoat zeigt eine anabole Wirkung auf die fettfreie Körpermasse*, ohne die Nierenfunktion zu verändern, und würde damit Patienten vor der Dialyse mit chronischer Nierenerkrankung** einen ernährungsbezogenen Nutzen bieten.
S. Eiam-Ong, Chulalongkorn University Hospital, Bangkok, Thailand
(*fettfreie Körpermasse, **chronische Nierenerkrankung)
Österreichische Forscher fügen jedoch hinzu, dass sie davon abraten, Frauen Nandrolon zu verschreiben, aufgrund der maskulinisierenden (vermännlichenden) Wirkung [5].
Referenzen
- Ikizler TA, Himmelfarb J. Muscle wasting in kidney disease: Let's get physical. J Am Soc Nephrol. 2006 Aug;17(8):2097-8. Epub 2006 Jul 12. PubMed PMID: 16837638.
- Sietsema KE, Amato A, Adler SG, Brass EP: Exercise capacity as a predictor of survival among ambulatory patients with end-stage renal disease. Kidney Int 65: 719–724, 2004
- Johansen KL, Painter PL, Sakkas GK, Gordon P, Doyle J, Shubert T: Effects of resistance exercise training and nandrolone decanoate on body composition and muscle function among patients who receive hemodialysis: A randomized, controlled trial. J Am Soc Nephrol 17,2307–2314, 2006
- Pupim LB, Flakoll PJ, Levenhagen DK, Ikizler TA: Exercise augments the acute anabolic effects of intradialytic parenteral nutrition in chronic hemodialysis patients. Am J Physiol Endocrinol Metab 286: E589–E597, 2004
- Eiam-Ong S, Buranaosot S, Eiam-Ong S, Wathanavaha A, Pansin P. Nutritional effect of nandrolone decanoate in predialysis patients with chronic kidney disease. J Ren Nutr. 2007 May;17(3):173-8. PubMed PMID: 17462549.
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